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Tal der fliegenden Messer. Ruhrtrilogie Teil 1

von René Pollesch

Auswärtsspiel Berliner Premiere in der Volksbühne am 13. September 2008

Tal der fliegenden Messer. Ruhrtrilogie Teil 1 entstand anlässlich des 200-jährigen Mülheimer Stadtjubiläums und hatte am 7. Juni 2008 Premiere, im Rollende-Road-Schau-Zelt am Stadthallengarten in Mülheim an der Ruhr.
Teil 2 der Ruhrtrilogie folgt in 2009, Teil 3 und die Gesamttrilogie werden in 2010 gezeigt.
Bert Neumann stattet das Projekt an unterschiedlichen Orten im Stadtraum von Mülheim als mobiles Zeltlager mit LKW-Modulen aus.

Text und Regie René Pollesch
Bühne Bert Neumann
Kostüme Nina von Mechow
Kamera Ute Schall
Mit Inga Busch, Christine Groß, Nina Kronjäger, Martin Laberenz, Trystan Pütter, Volker Spengler

E-Mail Interview mit René Pollesch
Fotogalerie "Tal der fliegenden Messer. Ruhrtrilogie Teil 1"
Cinecittà Aperta. Ruhrtrilogie Teil 2
Zum Trailer bei Youtube


Wertschöpfung Ruhr
"Tal der fliegenden Messer. Ruhrtrilogie Teil 1" thematisiert die "Wertschöpfung Ruhr", die Ruhrregion, die wie keine andere geprägt ist durch die Ökonomisierung von Landschaft, Natur und Menschen. Dies sind auch die Themen des erfolgreichen Gegenwartsdramatikers René Pollesch: Ausblicke von der Jetzt-Zeit ins Zukünftige, die extreme Ökonomisierung des Alltags und die Beziehungsgeflechte der Menschen

Dem Wertschöpfungsgedanken der Ruhr nachzugehen liegt nahe in einer Region, die wie kaum eine andere den Prinzipien der Industrialisierung und der Profitorientierung ausgesetzt wurde. Das Ruhrgebiet ist ein polyzentrisches Netz, das jedoch nur selten aus verknüpften urbanen Räumen besteht. Viel eher ist es die Abbildung eines durch die industrielle Ausdehnung vorangetriebenen Pfades, dem die Menschen auf ihrer Suche nach Arbeit zur notwendigen Existenzsicherung folgten. Die Themen der Recherche kreisen um die Spurensuche dieser Humanressourcen und stellen Bezüge her zu den Stahl- und Kohledynastien. Immer wieder tauchen die Gegenwart und deren Spiegelungen der Zukunft auf.

Ist der Wassertourismus Ruhr die Fortführung der Errichtung des Baldeneysees, der 1931-33 von 10.000
Arbeitslosen und Zwangsarbeitern ausgehoben wurde?
Ist die Ruhrtriennale mehr als ein Marketinginstrument der Industrie?
Ist das Theater, welches das reflektiert, genau der Effekt, den dieses Marketing im europaweiten „Ranking“ erzielen soll?

Polleschs Theater

Pollesch, der mittlerweile an die 150 Stücke verfasst hat und pro Jahr bis zu sieben Abende auf die Bühne bringt, ist kein Autor, der seine Texte als "ewig gültige Wahrheiten" verstanden wissen will. Er sieht sie als Material, als eine Art Theorieapparat, den jeder benutzen kann, um sich im eigenen Alltag zu orientieren.
Sich mit dem Alltag zu beschäftigen, anstatt mit Alltagsrepräsentation ist ein wesentlicher Ausgangspunkt für das Pollesch-Theater: "Meine Arbeiten leben von einer Kompetenz für das, was meine Probleme sind, von meinem Wunsch, mich zu verorten, mich zu orientieren, und der damit verbundenen Energie." Mit dieser Energie wird der Autor René Pollesch die Themen finden, zusammenbringen und dem Publikum im Ruhrgebiet neue Blicke auf das Theater und die Geschichten zwischen Gegenwart und Zukunft ermöglichen.

 •Worauf bezieht man sich, wenn man heute Theatertexte schreibt?
 •Und was sind das für Geschichten, die uns nahe gehen, in denen wir aber überhaupt nicht mehr vorkommen?
 •Was ist das für ein abgegriffener Authentizitätsbegriff, der einem ständig im Weg steht?
 •Wie bauen sich Subjekte um und entwickeln Überlebensstrategien, die mit "alteuropäischem Denken" gar nicht mehr zu bearbeiten sind?
 •Könnte man nicht einen emotionalen Gewinn aus Entfremdung ziehen?
 •Könnte man nicht mal Erfolg an Zufall koppeln und Liebe an Geld?
 •Beruht nicht alle Verständigung letztlich auf rassistischen und sexistischen Bildern, die allein deshalb lesbar sind, weil sie dem Konsens entsprechen?
 •Und ist es "nicht viel vielversprechender, alles Wissen vor uns auszubreiten? Und daran Gefühle zu koppeln, die nur uns rühren und niemanden sonst?", wie es in "L'affaire Martin etc." heißt?

Das sind Fragestellungen, die René Pollesch zum Ausgangspunkt seiner Theaterarbeit macht. Beobachtungen, die davon ausgehen, dass wir uns "nicht länger auf eine Sprache beziehen können, in der wir uns Geschichten erzählen, die nicht unsere sind: Die Trennung von Tier und Mensch, die Vereinigung von Körper und Seele!", also "diesen weißen, männlichen, heterosexuellen Jargon, der sich selbst aber nicht als Jargon, sondern als herrschende, allgemeingültige Sprache versteht". Stattdessen geht es um eine Sichtweise, die die fortschreitende Ökonomisierung aller Lebensbereiche einschließt und wo sich beim besten Willen weit und breit kein autonomes bürgerliches Subjekt mehr entdecken lässt. Dem noch nicht Greifbaren Bilder geben, könnte ein Motto von René Pollesch lauten oder wie er es selbst formuliert:

"Meine Abende greifen bestimmte Vorstellungswelten und Bilder an, die wir noch mit uns herumtragen und nach denen wir auch handeln wollen, aber wir schaffen es nicht mehr. Dieser Konflikt interessiert mich sehr. Wenn es bei mir eine Desorientiertheit gibt im sozialen Umgang, dann orientiere ich mich mit meinen Texten."
Dabei geht es um das, was im Theater meist marginalisiert und noch nicht universell gültig ist: die speziellen Leben der Beteiligten und die Auseinandersetzung mit den eigenen Arbeits- und Lebensverhältnissen.

Perspektivwechsel
Dies setzt einen Perspektivwechsel voraus: sich als Teil der Verhältnisse zu begreifen oder wie es bei der Biologin Donna Haraway heißt, "Wir müssen nicht für jemanden sprechen, sondern mit jemandem. Das ist alles."
Denn „die anderen brauchen vielleicht niemanden, der für sie redet. Es wird immer vor allem so getan, als hätten die keine Sprache, und dann kommt die Repräsentation ins Spiel.“, so Pollesch in seiner Kritik am Repräsentationstheater, das immer nur scheinbar kritisch ist, weil es die gesellschaftlichen Vorgänge, die eigentlich kritisiert werden sollen, letztlich reproduziert und damit die eigenen Produktionszusammenhänge permanent ausblendet und komplett vom "Kunstprodukt" abkoppelt, als wäre das Theater und wie man da miteinander umgeht, nicht Teil der Wirklichkeit.

Pollesch rückt dagegen die Widersprüchlichkeit der eigenen Produktionsbedingungen ins Zentrum, ihn interessiert es, herauszufinden, wie man über etwas reden kann jenseits der „männlichen Mittelstandsposition, die immer das Glück bei den anderen findet“.
Dafür hat der Autor und Regisseur in Personalunion in den letzten Jahren eine neue Theaterform entwickelt. Keineswegs liegt der komplette Text bei Probenbeginn bereits vor, sondern er entsteht in engem Austausch mit den Beteiligten und steht jederzeit zur Disposition - über mehrere Wochen werden Inhalte besprochen, verworfen, neu diskutiert, theoretische Texte u. a. von Haraway, Foucault oder Agamben analysiert, Filmplots auf ihre Verwertbarkeit überprüft und Spielweisen für den jeweiligen Abend entwickelt.
Pollesch braucht keine ausführenden sondern denkende Schauspieler, der Text wird zum Motor. Komödie, Soap oder TV-Formate dienen als Vehikel, um andere Inhalte zu transportieren. Dabei hat keiner der Schauspieler die Aufgabe, irgendeine Rolle im klassischen Sinne auszufüllen oder auf der Bühne Situationen zu erklären und darzustellen, sondern es geht um die gemeinsame inhaltliche Auseinandersetzung, um die permanente Infragestellung der eigenen Position angesichts rasanter gesellschaftlicher Veränderungen in Zeiten von Globalisierung und zunehmender existenzieller Unsicherheit.
"Können wir uns nicht endlich an Absprachen halten? Ja, gut, aber unsere Beziehung ist so ANFÄLLIG! Und die Absprachen, die sind auch so ANFÄLLIG! Was machen wir mit all den anfälligen Absprachen?"

René Pollesch

René Pollesch studierte 1983 bis 1989 bei Andrzej Wirth und Hans-Thies Lehmann Angewandte Theaterwissenschaften in Gießen und war bei den Gastprofessoren Heiner Müller, George Tabori und John Jesurun an verschiedenen Projekten beteiligt. Nach diversen Stationen an deutschen Theatern, u. a. am Theater am Turm in Frankfurt am Main, erhielt Pollesch 1996 ein Arbeitsstipendium am renommierten Royal Court Theatre in London. Er nutzt die Möglichkeit zur Zusammenarbeit mit Harold Pinter und Caryl Churchill. 1997 folgt ein Stipendium der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart. In der Spielzeit 1999/2000 war er Hausautor am Luzerner Theater, im Herbst 2000 Hausautor am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Seit 2001 leitet er die kleine Spielstätte Prater der Volksbühne Berlin am Rosa-Luxemburg-Platz in Berlin.
René Pollesch erhielt 2001 den Mülheimer Dramatikerpreis. 2002 wurde René Pollesch in der Kritikerumfrage der Zeitschrift „Theater heute“ zum besten deutschen Dramatiker gewählt.
2006 wurde René Pollesch für sein Stück "Cappuccetto Rosso" in der Inszenierung der Volksbühne Berlin/Salzburger Festspiele mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet, gleichzeitig wurde ihm der Publikumspreis verliehen.

Kooperationspartner
"Tal der fliegenden Messer. Ruhrtrilogie Teil 1" ist eine Koproduktion der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz Berlin mit dem Ringlokschuppen und der Kulturhauptstadt Europas RUHR.2010. In Zusammenarbeit mit dem Theaterbüro des Kulturbetriebs und dem Projektbüro Stadtjubiläum 2008, gefördert vom Ministerpräsidenten des Landes NRW und der Kunststiftung NRW.







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